Festschriften

De arte grammatica:

Festschrift

für Eberhard Gärtner

zu seinem 65. Geburtstag

 

Herausgegeben von Cornelia Döll, Sybille Große, Christine Hundt und Axel Schönberger

 

ISBN: 978-3-936132-30-4

Seitenzahl: 686
Format: 23,2 x 16,5 cm
Gewicht: 1.064 g
Sprache: Deutsch, Katalanisch, Portugiesisch, Spanisch

 

 

 

Praefatio


Vorliegende Nauicula Lipsiensis, die einunddreißig sprach- und literaturwissenschaftliche Beiträge versammelt, ist Prof. Dr. phil. habil. Eberhard Gärtner zum Anlaß seines 65. Geburtstags am 9. September 2007 gewidmet, zu dessen Feier am 16. November 2007 auch ein Ehrenkolloquium an der Universität Leipzig ausgerichtet wurde, in dessen Rahmen einige der hier versammelten Beiträge vorgetragen wurden.

 

Eberhard Gärtner war von 1994 bis 2007 Professor für spanische und portugiesische Sprachwissenschaft an der Universität Leipzig und prägte das Profil des Instituts für Romanistik als Hochschullehrer und Sprachwissenschaftler entscheidend mit. Die Universität Leipzig war nach dem Zweiten Weltkrieg in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Zentren für die Beschäftigung mit romanischer Philologie, insbesondere der Literaturwissenschaft, geworden. In den sechziger Jahren erfolgte dann ein Ausbau der Sprachwissenschaft am damaligen Romanischen Institut, indem der Lehr- und Forschungsschwerpunkt auf die Geschichte der romanischen Sprachwissenschaft gelegt wurde. Nachdem die Romanische Philologie mit der Hochschulreform der Deutschen Demokratischen Republik von 1969 teilweise ihre Eigenständigkeit verloren hatte und an der Universität Leipzig in einen Gesamtbereich der «Theoretischen und Angewandten Sprachwissenschaft» integriert wurde, kam es vier Jahre nach der politischen Wende an der Philologischen Fakultät zur Neugründung von Universitätsinstituten, darunter auch des Instituts für Romanistik. Auf dem Gebiet der romanischen Sprachwissenschaft wurde mit der Berufung von zwei Professoren, darunter Eberhard Gärtner für die iberoromanische Sprachwissenschaft, ein Neuanfang gemacht.

 

Eberhard Gärtner gab der lusitanistischen und hispanistischen Forschung am Institut für Romanistik der Universität Leipzig ein neues Profil, indem er die Schwerpunkte nun auf Untersuchungen zur Syntax des Spanischen und Portugiesischen, zur Sprachvariation des Portugiesischen sowie zur Geschichte der spanischen und luso-brasilianischen Grammatikographie legte. Dieser Themenschwerpunkt spiegelt sich auch in zahlreichen Beiträgen vorliegender Festgabe wieder.

 

Während der Titel der Festschrift, der freilich nicht ihren gesamten Inhalt bezeichnet, da auch literaturwissenschaftliche Beiträge aufgenommen wurden, mit seiner Bezugnahme auf die alte europäische Tradition sprachwissenschaftlicher Beschäftigung das weite Interessensfeld des Geehrten absteckt, stand das erwähnte Kolloqium im November 2007 unter dem Thema «Sprache leben», einem Motto, das für Eberhard Gärtner gleichsam ein persönliches Credo war und ist sowie in engem Bezug zu seiner Lebenseinstellung und seiner beruflichen und privaten Leidenschaft steht. Fremdsprachen im Allgemeinen, insbesondere das vergleichende Studium der romanischen Sprachen, sind ihm von frühester Jugend an Lebensinhalt, um nicht zu sagen Lebenselexier, gewesen.

 

Im Jahre 1961 nahm er — angeregt durch einen Gymnasiallehrer, der selbst Schüler des Junggrammatikers Karl Brugmann war — ein Studium der Franzistik und Lateinamerikanistik an der Universität Rostock auf und blieb dieser «ersten Liebe» bis zum heutigen Tage treu. Studierende und Kollegen an den Universitäten in Rostock, Dresden und Leipzig haben ihn in all den Jahren seiner akademischen Tätigkeit als Kenner fremder Sprachen schätzen gelernt, der mit seinem Detailwissen zum Spanischen, Portugiesischen, Französischen, Lateinischen, aber auch zum Russischen, Ungarischen und anderen Sprachen beeindruckte. Er verstand es, den Studierenden diese Begeisterung für Sprache(n) und für Sprachwissenschaft zu vermitteln, und dies stets mit dem Blick über die Grenzen der jeweiligen Einzelphilologie hinaus.

 

Beruflich wie privat blieben vor allem Brasilien und Portugal der Mittelpunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung des Jubilars. Wichtige Kolloquia, die unter seiner Leitung stattfanden, waren 1998 das erste internationale Lusitanistik-Kolloquium am Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin mit 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Brasilien, Deutschland, Polen, Portugal und Rußland sowie im Jahre 2005 der 6. Deutschen Lusitanistentag an der Universität Leipzig.

 

Von den Publikationen, die Eberhard Gärtner im Ergebnis seiner intensiven Auseinandersetzung mit den iberoromanischen Sprachen verfaßt hat, ist zweifelsohne die 1998 veröffentlichte Grammatik der portugiesischen Sprache sein herausragendstes Werk. Nach einhelliger Einschätzung der Fachwelt stellt diese Grammatik für Wissenschaftler, Lehrer und Lerner ein detailreiches, fundiertes und umfassendes Grundlagenwerk dar und spannt beispielhaft den Bogen von der Forschung zur universitären Lehre.

 

Deutsche und ausländische Fachkolleginnen und -kollegen haben Eberhard Gärtner ebenso wie die Angehörigen des Leipziger Instituts für Romanistik als kompetenten, jederzeit sachorientierten und akribisch arbeitenden Kollegen schätzen gelernt, aber auch als Menschen, bei dem man aufgrund seiner ausgleichenden und wohlwollenden Art gern Rat suchte.

 

Das Echo auf die Einladung zu vorliegender Festschrift war wie bei der Festschrift zu seinem 60. Geburtstag erfreulich groß. Zu den Beiträgerinnen und Beiträgern gehören namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Brasilien, Deutschland, Portugal und Spanien. Die inhaltlich breit gefächerten Aufsätze, die von literaturwissenschaftlichen und literaturgeschichtlichen Themen über Grammatikographie, Sprachgeschichte und Varietätenlinguistik bis hin zu Wortbildung und Phraseologie reichen, spiegeln eindrucksvoll die breite sprachwissenschaftliche Perspektive Eberhard Gärtners wider. Von Wortbildung und Phraseologie handeln die Beiträge von Encarnación Tabares Plasencia / José Juan Batista Rodríguez (La Laguna) und Juan Manuel Pérez Vigaray / Luis Amador Rodríguez (Las Palmas), der Lexikologie und Semantik gelten die Beiträge von Barbara Schäfer-Prieß (München) und Gerd Wotjak (Leipzig), Vanderci de Andrade Aguilera (Londrina), Dinah Callou (Rio de Janeiro), Yeda Pessoa de Castro (Salvador da Bahia), Heitor Megale [†] schreibt zur soziohistorischen Sprachvariation Brasiliens, ebenfalls die Soziolinguistik in weiterem Sinne betrifft Klaus Zimmermanns (Bremen) Beitrag zur Konstruktion der Verbindung von Sprachnormierung und politischer Funktion. Des weiteren wird in den Beiträgen von Sonia M. L. Cyrino (Campinas), Maria Elias Soares (Fortaleza) und Paulino Vandresen (Florianópolis) die grammatische Variation des brasilianischen Portugiesisch analysiert. Fragen der Sprachpolitik werden von Evanildo Bechara (Rio de Janeiro) erörtert, Ana Maria Brito (Porto), André Manuel Fischer (Frankfurt am Main), Gerda Haßler (Potsdam), Rolf Kemmler (Vila Real), Clarinda de Azevedo Maia (Coimbra), Maria Helena de Moura Neves (São Paulo) sowie Axel Schönberger (Bremen) widmen sich unterschiedlichen Aspekten der diachronen und auch synchronen Grammatikographie. Einen textlinguistischen Zugang wählt Ingedore Grünfeld Villaça-Koch (Campinas). In den Beiträgen von Martin Hummel (Graz), Mabel Giammatteo / Hilda Albano / Augusto Trombetta (Buenos Aires), Erwin Koller (†) und Christian Timm (Wuppertal) stehen einzelne grammatische Phänomene des Spanischen beziehungsweise Portugiesischen im Mittelpunkt. Dietrich Briesemeister (Wolfenbüttel), Maria de la Pau Janer (Palma), Saskia Ludwig (Hamburg), Christoph Rodiek (Dresden) und Werner Thielemann (Berlin) untersuchen schließlich Fragestellungen aus dem Bereich der Literatur- und Kulturstudien Argentiniens, Brasiliens, Kataloniens, Portugals und Spaniens, und Gunter Fuhrmann (Jena) sowie Renate Weber (Weimar) steuern persönliche Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Zeit mit dem Jubilar bei.

 

Eine Festschrift zum 60. Geburtstag Eberhard Gärtners wurde im September 2002 übergeben, nachdem eine erbarmungslose Jahrhundertflut der Elbe im August 2002 wertvolle Erinnerungsstücke, Bücher und Vorlesungsmanuskripte zerstört sowie sein gerade vollendetes neues Haus in Dresden-Gohlis nebst Garten verwüstet hatte. Eberhard und Hannelore Gärtner ließen sich von diesem gewaltigen Einschnitt in ihr Leben nicht entmutigen, sondern stellten ihr Haus und ihren Garten wieder her. Neue Vorlesungsinhalte wurden konzipiert, weitere Publikationen entstanden.

 

In den vergangenen drei Jahren konnten nun beide gemeinsam den ‘Unruhestand’ erkunden, ohne dabei jedoch persönliche und berufliche Brücken abzubrechen. Neben dem im Wortsinne ‘gärtnerischen’ Tun im Hausgarten in der Nähe des Dresdner Elbufers gehören auch weiterhin semantische und syntaktische Valenzfestlegungen, grammatikographische Fragen, varietätenlinguistische Überlegungen, aber auch sprachliche Kuriositäten und Wortwitz ebenso wie Literatur und Musik am Kamin zum Alltag.

 

Mit Dank und Anerkennung für sein wissenschaftliches Lebenswerk erreicht nun auch die Druckfassung der Nauicula Lipsiensis in honorem professoris doctoris Eberhard Gärtner posterior ihr Ziel. Möge sie sowohl dem Geehrten als auch der Fachwelt vielfältige Anregungen für die weitere Beschäftigung insbesondere mit der portugiesisch- und spanischsprachigen Welt bescheren! Eberhard Gärtner und auch seiner Frau Hannelore wünschen wir von Herzen Gesundheit, Wohlergehen und viel Freude bei der weiteren Beschäftigung mit der Welt der Iberoromania!

 

Leipzig und Bremen, im September 2010

 

Cornelia Döll
Sybille Große
Christine Hundt
Axel Schönberger

 

Inhaltsverzeichnis


Praefatio: 9

Tabula gratulatoria: 13


De arte grammatica

 

Vanderci de Andrade Aguilera (Londrina)
Arcaização, mudança e resistência lexicais em atlas lingüísticos brasileiros: o rural e o urbano: 19

 

Evanildo Bechara (Rio de Janeiro):
A língua portuguesa na concepção dos fundadores da ABL: 33

 

Ana Maria Brito (Porto):

Gramáticas descritivas do português: 39

 

Dinah Callou (Rio de Janeiro):
O falar do Rio de Janeiro: da história social à história lingüística: 57

 

Yeda Pessoa de Castro (Bahia):
A língua-de-santo, marca de identidade etnoreligiosa: 79

 

Sonia M. L. Cyrino (Campinas):
Objetos nulos no português brasileiro e no espanhol da América do Sul: 89

 

André Manuel Fischer (Frankfurt am Main):
Scrīptōrēs Latīnī dē metrīs Horātiānīs: zur Darstellung horazischer Versmaße bei lateinischen Metrikern: 113

 

Mabel Giammatteo / Hilda Albano / Augusto Trombetta (Buenos Aires):
Estructura y función de las construcciones de con + proposición ¿absoluta?: 185

 

Gerda Haßler (Potsdam):
Der génio da língua in der Geschichte der portugiesischen Grammatikographie: 199

 

Martin Hummel (Graz):
La función atributiva cuantitativa en el habla oral informal de Chile: 221

 

Rolf Kemmler (Vila Real):
El Dictionnaire abrégé de la fable (1727) de Pierre Chompré y su traducción castellana Diccionario abreviado de la fábula (1783): 251

 

Rolf Kemmler (Vila Real):
A perda da inocência na imprensa periódica portuguesa: a Primeira Invasão Francesa na Gazeta de Lisboa de 1808: 271

 

Erwin Koller (†):
Pacientes e Agentes na consulta médica: o domínio discursivo reflectido pela valência verbal: 299

 

Clarinda de Azevedo Maia (Coimbra):
A língua em tempos de D. Dinis: 315

 

Heitor Megale (†):
Como fala a população de São Paulo no século XVIII: a redução do paradigma verbal: 333

 

Maria Helena de Moura Neves (Araraquara)
A tarefa do gramático: 347

 

Juan Manuel Pérez Vigaray / Luis Amador Rodríguez (Las Palmas de Gran Canaria):
La expresión de la ‘posibilidad’ y los adjetivos en -ble, -dero/a e -izo/a: 357

 

Barbara Schäfer-Prieß (München):
Grundfarbwörter im europäischen Portugiesisch: 363

 

Axel Schönberger (Bremen):
Tradition und Innovation in der Rhetorica novissima des Boncompagnus: 375

 

Maria Elias Soares (Fortaleza):
Variação do uso do modo subjuntivo em português: 409

 

Encarnación Tabares Plasencia (Leipzig) / José Juan Batista Rodríguez (La Laguna):
Términos poliléxicos en español: formación de palabras y fraseología: 423

 

Christian Timm (Wuppertal):
Pragmatische Gemeinsamkeiten im Gebrauch der 2. Person Plural im Italienischen von Neapel und im Spanischen in Amerika: 437

 

Paulino Vandresen (Florianópolis):
Uso e colocação dos pronomes átonos no português brasileiro na Região Sul: 451

 

Ingedore Grünfeld Villaça Koch (Campinas):
As marcas de articulação na progressão textual: 469

 

Gerd Wotjak (Leipzig):
Funktionale Lexikologie und Zweiebenensemantik: 479

 

Klaus Zimmermann (Bremen):
Die Konstruktion der Verbindung von Sprachnormierung und politischer Funktion: 513

 

De litteris

 

Dietrich Briesemeister (Jena):
Petrarca in der portugiesischen Erbauungsliteratur des 16. Jahrhunderts: Heitor Pintos Imagem da vida christã: 531

 

Maria de la Pau Janer (Palma):
Cada castell i totes les ombres de Baltasar Porcel: el mosaic de la Barcelona moderna: 543

 

Saskia Ludwig (Bremen):
Narrative Strukturen und Erzählperspektive in Guillermo Martínez’ Werken Los crímenes de Oxford und La muerte lenta de Luciana B.: 557

 

Christoph Rodiek (Dresden):
Positionen photogestützter postfiction von Max Aub bis Benjamín Prado: 613

 

Werner Thielemann (Berlin):
Vieira und die Versklavung der Schwarzafrikaner: Sermão XIV do Rosário: 637

 

De Eberhardo Gärtner

 

Gunter Fuhrmann (Jena):
Erinnerungen und Gedanken eines Kommilitonen: 665

 

Renate Weber (Weimar):
Es begann in Rostock: 669

 

Sybille Große (Leipzig) / Axel Schönberger (Bremen):
Schriftenverzeichnis (1974-2010) von Eberhard Gärtner: 671

 

***


Inscriptiones cursuales auctricum auctorumque: 685

 

 

Ex oriente lux:

Festschrift

für Eberhard Gärtner

zu seinem 60. Geburtstag

 

Herausgegeben von Sybille Große und Axel Schönberger

 

in Verbindung mit Cornelia Döll und Christine Hundt

 

ISBN: 978-3-936132-02-1

Seitenzahl: 604
Format: 23,2 x 16,5 cm
Gewicht: 976 g
Sprache: Deutsch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch

 

 

Praefatio

 

Die Öffnung der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands waren insofern ein Glücksfall für die westdeutsche Romanistik, als diese bis dahin die nach dem Spanischen zweitgrößte romanische Sprache, das Portugiesische, ebenso wie Brasilien als größtes und bevölkerungsreichstes romanisches Land der Welt großteils vernachlässigt hatte, während in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik insbesondere seit der Unabhängigkeit der früheren afrikanischen Kolonien Portugals dem Portugiesischen ein wichtiger Stellenwert zugewiesen worden war. Eberhard Gärtner, am 9. September 1942 in Dresden geboren, hatte mithin Glück, daß er genau zum richtigen Zeitpunkt eine Dissertation zum passenden Thema fertiggestellt hatte: 1974 wurde er an der Universität Rostock mit einer Dissertation über das Thema «Untersuchungen zur Syntax der brasilianischen Literatursprache» promoviert, und am 25. April desselben Jahres leitete die portugiesische Nelkenrevolution das Ende des Kolonialkriegs ein. 1966 hatte Eberhard Gärtner gleichfalls in Rostock sein Studium der Romanistik und Lateinamerikanistik als Diplom-Lateinamerikawissenschaftler abgeschlossen, wobei er sich auf das Spanische und Portugiesische, die ihm bis heute am Herzen liegen, spezialisierte, aber auch eine breite Ausbildung in anderen romanistischen Bereichen genoß, so daß er sich etwa auch im Bereich des Französischen und Altfranzösischen gut auskennt. Da auf einmal in der DDR Spezialisten für Portugiesisch gebraucht wurden und deutsche Muttersprachler aller Fachrichtungen, die in Angola und Mosambik Aufbauhilfe leisten sollten, portugiesischen Sprachunterricht erhalten mußten, war es erforderlich, Lehrkräfte auszubilden und für diese didaktische Materialien zu erarbeiten. Dieser Aufgabe hat sich Eberhard Gärtner engagiert gestellt, und seine Portugiesische Grammatik — ein Meilenstein der deutschsprachigen Romanistik des 20. Jahrhunderts und eine der weltweit wichtigsten Grammatiken des europäischen und brasilianischen Portugiesisch —, die erst Jahre nach der Wiedervereinigung erscheinen konnte, ist eine späte Frucht dieser Zeit.

 

Geradlinigkeit, Aufrichtigkeit und Konstanz zeichnen Eberhard Gärtner ebenso im privaten wie auch im beruflichen Leben aus. Wer ihn und seine Frau Hannelore kennt, weiß, daß hier zwei Menschen in einer seltenen Symbiose über die Jahre zusammengewachsen sind und einander liebevoll ergänzen. Eberhard Gärtners Entscheidung, den ihm mehrfach nahegelegten Eintritt in die SED abzulehnen, wurde auch von seiner Frau mitgetragen, obgleich beide wußten, daß damit der Weg zur Habilitation und eine weitere wissenschaftliche Karriere verstellt sein würden. Die Wiedervereinigung eröffnete ihm dann doch die Möglichkeit, sich im Jahr 1991 an der Universität Leipzig über das Thema «Untersuchungen zur Inhalts- und Ausdrucksstruktur einfacher und komplexer Äußerungen im Portugiesischen» zu habilitieren, und 1994 folgte ein Ruf auf eine ordentliche Professur für Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Leipzig, an welcher er seitdem wirkt.

 

Eberhard Gärtner interessiert sich mit einem Enthusiasmus für seine Fachgebiete, insbesondere für syntaktische Phänomene des Portugiesischen und Spanischen, wie es selten anzutreffen ist. Es kann vorkommen, daß er noch kurz vor Mitternacht am Telephon eine längere Diskussion über Besonderheiten des brasilianischen Portugiesisch führt. Auch seine Studenten spüren diese Begeisterung für das Fach sowie die Kompetenz und Akribie, mit denen Eberhard Gärtner alle seine Seminare und Vorlesungen vorbereitet und hält; nicht wenige von ihnen werden dadurch in besonderem Maße motiviert, für ihren Studienabschluß eine sprachwissenschaftliche Spezialisierung zu wählen. Seine Pflichten in der akademischen Selbstverwaltung erfüllt Eberhard Gärtner äußerst gewissenhaft, darüber hinaus engagiert er sich seit Jahren für den Deutschen Spanischlehrerverband in Sachsen, sein Herz aber gehört der Forschung, der Lehre und seiner Frau, die ihn auf seinen Reisen nach Brasilien, Portugal und Spanien begleitet. Wer sich mit Eberhard Gärtner über seine Reisen unterhält, wird verblüfft feststellen, daß er die nunmehr dreizehn Jahre, in denen er ohne Einschränkungen in die ganze Welt reisen konnte, intensiv genutzt zu haben scheint und dabei nicht nur Kontakte zu vielen Kolleginnen und Kollegen im Ausland, sondern auch zu prominenten Persönlichkeiten der portugiesischsprachigen Welt aufgebaut hat. Welcher deutsche Romanist kann schon davon erzählen, von dem mittlerweile verstorbenen brasilianischen Schriftsteller Jorge Amado in dessen Haus in Bahia eingeladen worden zu sein?

 

Bescheidenheit ist ein Wesenszug von Eberhard Gärtner, den seine Freunde und Kollegen als beständige Eigenschaft seines Charakters erleben können. Daß er, als er den Ruf nach Leipzig erhielt, zunächst zögerte, diesen auch anzunehmen, und ernsthaft überlegte, ob er nicht besser an der Technischen Universität Dresden auf einer akademischen Mittelbaustelle bleiben und dort in Ruhe lehren und forschen solle, anstatt sich den heutzutage mit einer Professur ja auch verbundenen, zeitaufreibenden Verwaltungstätigkeiten zu stellen, illustriert vielleicht am besten, wie fremd ihm das an heutigen Universitäten übliche Karrieredenken war und ist. Obgleich er selbst eher dazu neigt, seine eigenen Leistungen zu relativieren, gilt er vielen Kollegen im In- und Ausland als einer der bedeutendsten lusitanistischen Sprachwissenschaftler Deutschlands. In Brasilien wie in Portugal wartet man schon darauf, daß einer der nächsten deutschen Lusitanistentage von Eberhard Gärtner an der Universität Leipzig veranstaltet werden wird, der dann wohl zu einem ‘internationalen Lusitanistentag’ größeren Ausmaßes geraten dürfte, erinnert man sich doch noch lebhaft an das internationale sprachwissenschaftliche Colloquium zur Lusitanistik, das im März 1998 unter Leitung von Eberhard Gärtner am Ibero-Amerikanischen Institut PK in Berlin stattfand und von dem acht Aktenbände Zeugnis ablegen.

 

Den freundlichen Tadel, den der Jubilar, der vermutlich keine Festschrift gewünscht oder erwartet hätte, den vier Unterzeichnern voraussichtlich zuteil werden lassen wird, werden wir gerne in Kauf nehmen, da wir der Meinung sind, daß er diese Festgabe, deren Umfang allein dadurch beschränkt werden konnte, daß nur ein kleiner Kreis von Kollegen und Schülern im Dezember 2001 zur Mitarbeit eingeladen wurde, verdient hat.

 

Wir wünschen Eberhard Gärtner und seiner Gattin Hannelore noch viele unbeschwerte Jahre voller Schaffenskraft und Tatendrang und eine anregende Lektüre der in seiner Festschrift versammelten Beiträge.

 

Leipzig, Potsdam und Bremen, im September 2002

 

Cornelia Döll, Sybille Große, Christine Hundt und Axel Schönberger

 

 

Inhaltsverzeichnis


Praefatio: 9

Tabula gratulatoria: 13


De linguis Hispanica et Lusitanica

 

Vanderci de Andrade Aguilera (Londrina):
Tupinismos lexicais no português brasileiro: trilhas e traços no Paraná: 19

 

Hilda Albano / Mabel Giammatteo (Buenos Aires):
Del «ajustazo» al «corralito»: nuevos aportes para el estudio de neologismos recientes en el español de la Argentina: 41

 

Maria do Socorro Silva de Aragão (João Pessoa):
A parassinonímia em atlas lingüísticos regionais brasileiros: 57

 

Evanildo Bechara (Rio de Janeiro):
Em torno da expressão comparativa Que nem: 69

 

Maria Henriqueta Costa Campos (Lisboa):
Questões aspectuais: algumas especificidades do português: 73

 

Rosa Alice Cunha-Henckel (Jena):
Brasileirismos de origem africana: 89

 

Sonia Maria Lazzarini Cyrino (Londrina):
Mudança sintática e aquisição bilíngüe: hipóteses para o objeto nulo no português brasileiro: 103

 

Violeta Demonte (Madrid):
Preliminares de una clasificación léxico-sintáctica de los predicados verbales del español: 121

 

Cornelia Döll / Christine Hundt (Leipzig):
Funktionsverbgefüge im Portugiesischen: komplexe sprachliche Einheiten zwischen Syntax und Lexikon: 145

 

Annette Endruschat (Leipzig):
«Das kommt mir italienisch vor»: Italianismen im spanisch-portugiesischen Vergleich: 171

 

Alberto Gil (Saarbrücken):
Grammatikalisierung und Fokusbildung im Portugiesischen und im Spanischen: zu portugiesisch é que, spanisch es que und dem emphatisierenden ser: 207

 

Perpétua Gonçalves (Maputo):
Os pronomes pessoais reflexivos não-argumentais no português de Moçambique: 231

 

Sybille Große (Potsdam):
Zwischen Grammatik, Stilistik und Norm: portugiesische und spanische manuais / manuales de estilo für den alltäglichen Sprachgebrauch: 241

 

Rolf Kemmler (Gomaringen):
Das Hexaglotton (1762) von Ignaz Weitenauer: die erste Beschreibung der portugiesischen Sprache in Deutschland?: 257

 

Maria Célia Lima-Hernandes (São Paulo) / Waldemar Ferreira Netto (São Paulo):
Estudo contrastivo entre o português e o kamaiurá: divergências entre sistemas: 277

 

Maria Helena Mira Mateus (Lisboa):
Variação e variedades: o caso do português: 287

 

Maria Cecília de Magalhães Mollica (Rio de Janeiro):
Vernacularização e standartização: 297

 

Maria Helena de Moura Neves (Araraquara):
A noção de erro no ensino da língua: 303

 

Gilvan Müller de Oliveira (Florianópolis):
O então como organizador textual no português: 317

 

Juan Manuel Pérez Vigaray (Las Palmas) / José Juan Batista Rodríguez (La Laguna):
Apuntes sobre el infijo /i/ en la composición nominal del español: 341

 

Mariana Ploae-Hanganu (Bucureşti):
Sur les catégories de l’aspect et du temps dans le créole portugais de l’Afrique: 351

 

Luciano Caetano da Rosa (Berlim):
Novas reflexões sobre a compreensão auditiva no quadro do PLE: 361

 

Barbara Schäfer-Prieß (München):
Spanische und portugiesische Grammatikographie in Kontakt: Pedro José da Fonseca, Jerónimo Soares Barbosa und die spanische Akademie-Grammatik von 1771: 367

 

Jürgen Schmidt-Radefeldt (Rostock):
Infinitiv-Konstruktionen und ‘portugiesischer’ Infinitiv im portugiesisch-deutschen Übersetzungsvergleich: 375

 

Michael Scotti-Rosin (Bremen / Mainz):
Zum Wert der Volkssprache: Überlegungen zum Diálogo de la lengua von Juan de Valdés mit einem Ausblick auf den Diálogo em louvor da nossa linguagem von João de Barros: 389

 

Werner Thielemann (Berlin):
Lexikalische Migranten diesseits und jenseits des Atlantik: zur Aufnahme anglo-amerikanischen Lehngutes ins Portugiesische: 409

 

Christian Timm (Leipzig):
Zur Klassifizierung der infiniten Verbformen in spanischen Grammatiken: 433

 

Ingedore Grünfeld Villaça Koch (Campinas):
Progressão / continuidade referencial, progressão / continuidade temática, progressão / continuidade tópica: uma revisitação: 443

 

Gerd Wotjak (Leipzig):
Zur Syntax-Semantik-Schnittstelle: Versuch einer Positionierung: 457

Klaus Zimmermann (Bremen):
Jugendsprache als Konstruktion: 485


De litteris Hispanicis et Lusitanicis

 

Daniela Bermond (Pinerolo):
Baldesar Castigliones Il libro del Cortegiano und Baltasar Graciáns El Discreto: Adaptation oder Wandlung des Konzepts vom Hofmann im Spanien des 17. Jahrhunderts?: 495

 

Dietrich Briesemeister (Jena):
Das erste Brasilienepos: José de Anchietas De gestis Mendi de Saa (1563): 545

 

Axel Schönberger (Bremen):
Der Fall der letzten freien Maya-Stadt Tayasal im Roman Die Maya Priesterin (2001) von Andreas Gößling: 567

 

Henry Thorau (Trier):
Quem és tu, Frei Luís de Sousa?: 583


De Eberhardo Gärtner

 

Sybille Große (Potsdam) / Axel Schönberger (Bremen):
Schriftenverzeichnis (1974-2002) von Eberhard Gärtner: 597


***


Inscriptiones cursuales auctricum auctorumque: 607

 

 

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